Ein Platz für Hedwig Wachenheim: Mannheim würdigt eine bedeutende Sozialpolitikerin und Demokratin
Feierliche Einweihung in Neckarau erinnert an die Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt. Zahlreiche Gäste, historische Einblicke und musikalische Begleitung prägen die Veranstaltung.
Mannheim. Bei schönem Herbstwetter wurde am vergangenen Samstag, 31. Oktober 2026, in Mannheim-Neckarau der Hedwig-Wachenheim-Platz feierlich eingeweiht. Mit der Benennung des Platzes an der Ecke Dreesbachstraße und Katharinenstraße würdigt die Stadt eine außergewöhnliche Mannheimerin, deren Lebenswerk bis heute für soziale Gerechtigkeit, demokratische Verantwortung und gesellschaftliche Teilhabe steht.
Die gemeinsame Veranstaltung der AWO Mannheim, des SPD-Ortsvereins Neckarau, Almenhof, Niederfeld und der Jüdischen Gemeinde Mannheim verband das Gedenken an eine bedeutende Persönlichkeit der deutschen Sozialgeschichte mit einem klaren Bekenntnis zu Demokratie, Solidarität und einer lebendigen Erinnerungskultur.
Eine Mannheimerin, die Sozialgeschichte schrieb
Hedwig Wachenheim wurde 1891 in Mannheim geboren. Als jüdische Sozialdemokratin, Sozialpolitikerin und Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt gehörte sie zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Wohlfahrtsgeschichte. Ihr politisches und gesellschaftliches Engagement war von der Überzeugung getragen, dass soziale Sicherheit, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe grundlegende Voraussetzungen einer demokratischen Gesellschaft sind.
Wachenheim setzte sich insbesondere für den Ausbau sozialer Hilfsangebote, die Professionalisierung der Sozialarbeit und die gesellschaftliche Stellung von Frauen ein. Sie verstand soziale Arbeit nicht allein als Unterstützung in individuellen Notlagen, sondern als öffentliche und politische Verantwortung.
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde ihre Arbeit gewaltsam unterbrochen. Als Jüdin und Sozialdemokratin war sie Verfolgung und Ausgrenzung ausgesetzt und wurde schließlich ins Exil gezwungen. Auch diese Erfahrung macht ihre Biografie zu einem eindringlichen Zeugnis der deutschen Geschichte.
Hedwig Wachenheim starb 1969. Ihr Vermächtnis lebt in den Grundwerten der Arbeiterwohlfahrt fort: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz.
Erinnerung als gesellschaftliche Verantwortung
Stadtrat Bernhard Boll und Alexander Manz, Vorstand der AWO Mannheim, eröffneten die Feierstunde und würdigten die Bedeutung der Platzbenennung.
Das Grußwort der Stadt Mannheim überbrachte Bürgermeister Thorsten Riehle.
Im Mittelpunkt stand dabei die Erinnerung an eine Frau, die sich bereits vor mehr als einem Jahrhundert für ein demokratisches und solidarisches Gemeinwesen eingesetzt hatte. Mit dem Hedwig-Wachenheim-Platz erhält dieses Engagement einen dauerhaften und sichtbaren Ort im öffentlichen Raum Mannheims.
Für die AWO Mannheim besitzt die Würdigung eine besondere Bedeutung. Als Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt steht Hedwig Wachenheim für die historischen Wurzeln eines Verbandes, der sich bis heute für Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen einsetzt. Ihre Vorstellung von sozialer Verantwortung ist zugleich Auftrag für die Gegenwart.
Auch die Stadt Mannheim beteiligte sich mit einem Grußwort an der Feierstunde und unterstrich damit die Bedeutung der Erinnerung an Persönlichkeiten, die das demokratische und soziale Selbstverständnis der Stadt geprägt haben.
Jüdische Gemeinde: Erinnerung und Gegenwart gehören zusammen
Die Jüdische Gemeinde Mannheim war Mitveranstalterin der Einweihung. Ihre Vorsitzende, Prof. Dr. Heidrun Deborah Kämper, konnte aufgrund einer aktuellen Gefahrenwarnung nicht persönlich an der Feierstunde teilnehmen.
Die Umstände ihrer Abwesenheit machten zugleich deutlich, wie aktuell die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Ausgrenzung und Bedrohungen jüdischen Lebens geblieben ist.
Gerade vor dem Hintergrund der Verfolgungsgeschichte Hedwig Wachenheims erhielt die Veranstaltung damit eine zusätzliche gesellschaftliche Dimension. Die Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und an Menschen, die für Demokratie und Menschenrechte eingetreten sind, bleibt untrennbar mit der Verantwortung verbunden, jüdisches Leben und demokratische Grundwerte auch heute zu schützen.
Historische Würdigung durch MARCHIVUM-Leiter Harald Stockert
Einen zentralen Beitrag zur Veranstaltung leistete Harald Stockert, Leiter des MARCHIVUM Mannheim. In seiner historischen Würdigung zeichnete er das Leben und Wirken Hedwig Wachenheims nach und ordnete ihre Bedeutung in die Mannheimer Stadtgeschichte sowie die Entwicklung der deutschen Sozialpolitik ein.
Dabei wurde deutlich, dass Wachenheim weit mehr war als eine Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt. Sie gehörte zu jener Generation engagierter Frauen, die in der Weimarer Republik für demokratische Reformen, soziale Rechte und eine professionelle Sozialarbeit eintraten.
Ihre Biografie verbindet Mannheimer Stadtgeschichte mit den großen gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Sie steht für die demokratischen Errungenschaften der Weimarer Republik ebenso wie für deren Zerstörung durch den Nationalsozialismus und die Erfahrung von Verfolgung und Exil.
Mit der historischen Einordnung erhielt die Platzbenennung eine besondere Tiefe. Sie erinnert nicht nur an eine einzelne Persönlichkeit, sondern an die Entwicklung des demokratischen Sozialstaates und die Verantwortung, seine Grundlagen zu bewahren.
Musik, Begegnungen und ein Platz für die Stadtgesellschaft
Für einen stimmungsvollen musikalischen Rahmen sorgte ein Violinduo, das die Feierstunde mit seinen Beiträgen begleitete. Das freundliche Herbstwetter bot gute Voraussetzungen für die Einweihung unter freiem Himmel.
Nach dem offiziellen Teil nutzten die Gäste die Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen und zum Austausch über die Geschichte Hedwig Wachenheims und die Bedeutung des neuen Platzes.
Der AWO-Foodtruck versorgte die Besucherinnen und Besucher mit frisch zubereiteter Kürbissuppe und Getränken. Die Suppe fand großen Anklang und trug ebenso wie die musikalische Begleitung zur angenehmen Atmosphäre der Veranstaltung bei.
Mit der Einweihung ist in Neckarau ein Ort entstanden, der Erinnerung und Gegenwart miteinander verbindet. Der Hedwig-Wachenheim-Platz steht künftig für das Lebenswerk einer Mannheimerin, die sich gegen gesellschaftliche Ungleichheit engagierte, demokratische Werte verteidigte und die Entwicklung der modernen Sozialarbeit entscheidend mitprägte.
Die AWO Mannheim, der SPD-Ortsverein Neckarau, Almenhof, Niederfeld und die Jüdische Gemeinde Mannheim setzen mit dieser gemeinsamen Initiative ein Zeichen für eine Stadtgesellschaft, die ihre Geschichte kennt und aus ihr Verantwortung für die Gegenwart ableitet.





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